Vandana Shiva
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Buchtipp: „Eine andere Welt ist möglich“ von Vandana Shiva

Wenn die Natur selbst eine Landwirtschaftsministerin ernennen könnte, wäre ihr Name möglicherweise nicht Julia Klöckner, sondern eher: Vandana Shiva.

Die bekannte indische Physikerin und Globalisierungskritikerin, die 1993 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist überzeugt: die Ernährung der Weltbevölkerung ist auch ohne immer mehr Pestizide, Monokulturen und gentechnisch veränderte Pflanzen möglich. In ihrem neuen Buch berichtet Vandana Shiva über ihre Arbeit und Ideen: ein eindringlicher Appell an uns alle, uns für den Erhalt der Biodiversität, mehr Ernährungssouveränität und eine ökologische Landwirtschaft einzusetzen!

Ökologisch, biologisch-dynamisch oder permakulturell?

Wie die Methode genannt wird, ist Vandana Shiva erst einmal nicht so wichtig. Aber sie glaubt fest daran: es gibt eine Form der Landwirtschaft, die die Natur heilt und erhält, anstatt sie rücksichtslos auszubeuten und zu zerstören; und wir sollten sie dringend anwenden und nutzen!

Saatgut gehört allen Menschen

In ihrem aktuellen Buch, das gerade im Münchner Oekom Verlag erschienen ist, beschreibt Vandana Shiva unter anderem, warum die Bewahrung und Pflege des Saatgutes, die Erhaltung der Sortenvielfalt und eine nachhaltige, ökologische Landwirtschaft so wichtig sind.

Sie ist überzeugt: Saatgut muss allen Menschen gehören und zur Verfügung stehen. Die Versuche großer Agrarkonzerne, Patente und Lizenzen auf immer mehr Pflanzen und Saatgut anzumelden, müssen endlich grundsätzlich verboten werden!

Vandana Shiva tritt dafür ein, dass Bauern ihr Saatgut auch weiterhin selbst erzeugen können, um ihre Unabhängigkeit und Souveränität zu erhalten. Kritisch betrachtet sie daher auch die Verbreitung von Hybridsamen (die übrigens auch in Teilen der ökologischen Landwirtschaft zunehmend eingesetzt werden). Denn Hybridsamen sind nicht samenfest, das heisst sie sind auf Dauer nicht geeignet, um daraus selbst Saatgut zu gewinnen.

Navdanya: Bio-Farm und „Earth demogracy“

Seit vielen Jahren setzt sich Vandana Shiva dafür ein, uraltes Wissen um Saatgut-Gewinnung und natürliche, traditionelle Anbaumethoden, ohne den Einsatz von Agrarchemie, zu erhalten. Mit ihrer Organisation bzw. dem gleichnamigen Bauernhof Navdanya (das ist Hindi, und bedeutet übersetzt in etwa: “ Neun Samenkörner“ oder: „das erneuerte Geschenk“) unterstützt sie Kleinbauern in ihrem Heimatland bei der Nutzung alter, samenfester Sorten und vermittelt praktisches Wissen über ökologischen Anbau ohne Agrarchemie.

„Ich glaube, Aktivismus beginnt in Kopf, Herz und Hand von jedem einzelnen.“

Vandana Shiva

Navdanya verteilt das Saatgut kostenlos an seine Mitglieder. Diese müssen nach der Ernte die eineinhalbfache Menge an die Saatgutbank zurück – oder an zwei andere Familien weitergeben. Dadurch ist ein Kreislauf des Teilens gewährleistet und die Idee verbreitet sich weiter.

Auf der Farm Navdanya werden außerdem Bauern geschult und lernen, wie sie das Saatgut richtig aufbewahren, wie Kompost herstellt und wie Schädlinge auf biologische Weise bekämpft werden. So können wieder mehr und mehr Familien für nachhaltige Landwirtschaft gewonnen werden und es entstehen neue Saatgutbanken in anderen Dörfern.

Wer Englisch versteht und sich einen Eindruck verschaffen möchte: hier gibt es einen kleinen Film über Vandana Shiva und die Farm:

Vandana Shiva: Vorkämpferin der Öko-Bewegung

Schon in den 1990er Jahren organisierte Vandana Shiva Informationskampagen und Demonstrationen in Indien, zu denen hunderttausende Bauern und Aktivisten kamen, um gegen eine ungebremste Globalisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft zu protestierten.

Heute untertützt die von Vandana Shiva mitbegründeten Organisation RFSTE (Research Foundation for Science, Technology and Ecology) nach eigenen Angaben weltweit rund 100 Tausend Kleinbauern beim biologischen, nachhaltigen Anbau. RFSTE informiert z.B. über Mischkulturen, den Anbau samenfester Sorten und bietet Hilfesuchenden praktische Unterstützung. Eines der Ziele Vandana Shivas ist es, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen dabei zu helfen, dass sie ihre Unabhängigket von großen Agrar- und Saatgutkonzernen (wie z.B. Bayer, Monsanto, Syngenta usw.) bewahren oder wiedererlangen können.

„Eine Handvoll mächtiger Unternehmen wollen die Ressourcen unseres Planeten unter ihre Kontrolle bringen. Sie haben eine Strategie entwickelt, um sich die Ressourcen der Erde anzueignen, für einen Profit auf Kosten der Natur und der Gesellschaft.“

Vananda Shiva (S. 151*)

Vandana Shiva bestreitet in ihrem neuen Buch, dass die Produktivität der industriellen Landwirtschaft den traditionellen, kleinbäuerlichen Anbaumethoden überlegen ist. Im Gegenteil: sie ist davon überzeugt, dass Böden, die nicht von Monokulturen ausgelaugt und von Pestiziden vergiftet werden, weit mehr (und vor allem gesündere) Pflanzen hervorbringen können, als die konventionelle, industrielle  Landwirtschaft!

Nach Vandana Shivas Analyse ist die Produktivität der industriellen Landwirtschaft in Wahrheit niedriger, nicht höher als die traditioneller bäuerlicher Anbaumethoden. Die angeblich billige und „effiziente“ Produktionsweise der industriellen Landwirtschaft ist dies nur auf den ersten Blick, denn die ökologischen und sozialen Folgen (Umweltzerstörung, Ressourcenverbrauch, Verschuldung der Bauern etc.) werden nicht in die Gesamtkalkulation einbezogen!

Kampf gegen die Patentierung von Pflanzen und Saatgut

In ihrem Buch schildert Vandana Shiva anschaulich und in einfacher, gut verständlicher Sprache ihre Erfahrungen als ökogische Aktivistin, im Kampf gegen rücksichtslos agierende Unternehmen. Zum Beispiel, wie das amerikanische Unternehmen Rice Tec versuchte, sich eine uralte indische Basmati-Reis-Sorte patentieren zu lassen. Dies hätte zur Folge gehabt, dass indische Bauern diese Reissorte nicht mehr selbst hätten vermehren und anbauen können; sie hätten Lizenzgebühren an das Unternehmen zahlen bzw. das Saatgut direkt dort kaufen müssen.

Erst nach einem langen Rechtsstreit bekamen Vandana Shiva und ihre Mitstreiterinnen schließlich Recht: der Patent-Antrag von Rice Tec wurde verworfen. Ähnliches geschah auch mit der Niempflanze, die seit rund 2000 Jahren in Indien bekannt ist und vielseitig eingesetzt wird. Vandana Shiva berichtet, wie der Agrochemie-Gigant W. R. Grace in den 1990er Jahren insgesamt 64 Patente auf die Pflanze anmeldete und wie Blätter und Früchte des Niembaumes in einigen Regionen des Landes plötzlich nur noch eingeschränkt für die Allgemeinheit verfügbar waren. Auch hier bekam Vandana Shiva erst nach einem langem Gerichtsverfahren Recht.  „So absurd die Frage scheint, es dauerte 10 Jahre bis das Patent 2005 aufgehoben wurde“.  (S. 46)

Fazit:

Vandana Shiva kritisiert in ihrem Buch die Auswüchse der Globalisierung, das Profitstreben der großen Agrarkonzerne, die sich auf Kosten der Natur bereichern. Gegen die Ökonomie der Gier setzt sie eine Ökonomie der Natur, eine Landwirtschaft, die sich dem Gemeinwohl, der Achtsamkeit, Langsamkeit und Bewahrung der Schöpfung verpflichtet fühlt. Die Ideen und Ansichten, die Vandana Shiva in ihrem Buch vorstellt und erläutert, haben zum Teil auch eine Nähe zum Konzept der Permakultur, allerdings ohne dass sie diese konkret erwähnt oder heranzieht. Wir meinen: ein lesenswertes Buch für alle, die sich für ökologische und politische  Zusammmenhänge im globalen Kontext interessieren!

*Alle Seitenangaben beziehen sich auf das rezensierte Buch.

Vandana Shiva, Lionel Astruc: Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam.

Aus dem Französischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Thomas Woltermann.

oekom verlag, München, 2019. 192 Seiten; 20,00 EUR.

Erscheinungstermin: 05.08.2019.

ISBN-13: 978-3-96238-134-9.

Quelle und Link / weitere Informationen über Navdanya (nur auf Englisch):

 

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