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Mehr über Permakultur lernen – mit David Holmgren

Das Buch „Permakultur – Gestaltungsprinzipien für zukunftsfähige Lebensweisen“ von David Holmgren, 2016 in deutscher Übersetzung im Drachen Verlag erschienen, ist wohltuende Nahrung für Geist und Seele – ein echtes „Vollkornbrot“, ohne Backpulver und künstliche Zusatzstoffe – und eine wunderbare Alternative zu den vielen, oft doch eher trivialen und oberflächlichen Welterklärungsbüchern!

Als Mitbegründer der Permakultur vermittelt David Holmgren in dem Buch auf rund 400 Seiten die theoretischen Grundlagen der Permakultur, stellt zahlreiche interessante Bezüge her und erläutert, mit welche Methoden und Ideen wir diesen Planeten vielleicht doch noch retten können. Man könnte das Buch mit Fug und Recht auch „Anleitung zu einer grünen Revolution“ oder „Permakulturdesignkurs zum Lesen“ nennen. Eine anregende und sehr gehaltvolle Lektüre für alle, die sich intellektuell mit Lösungsstrategien für globale Probleme beschäftigen und mehr über Permakultur als interdisziplinäres Gestaltungs- und Lebenskonzept erfahren möchten!

Permakultur-Prinzipien und neues Denken

Das Buch enthält eine für „Permakultur-Einsteiger“ sehr informative Einführung von Declan Kennedy („Wie die Permakultur nach Europa kam“). Darauf folgt dann der eigentliche Text des Buches, in dem Holmgren 12 wichtige Prinzipien der Permakultur vorstellt und jeweils in einem breiten, wissenschaftlichen Kontext erläutert. Es handelt sich dabei um kurze Merksätze, wie zum Beispiel „Beobachte und interagiere“, „Fange Energie ein und bewahre sie“, „Nutze kleine und langsame Lösungen“ oder „Lass die Natur regulieren und lerne aus Feedback“. Holmgren zeigt, dass diese Prinzipien nicht nur im kleinen Maßstab (also zum Beispiel in einem Garten) funktionieren, sondern sich auch auf größere, ja globale Zusammenhänge übertragen lassen – und erstaunliche Lösungsmöglichkeiten beinhalten!

David Holmgrem, Mitbegründer der Permakultur-Bewegung, lebt heute auf seiner Permakultur-Farm Melliodora, im Südosten Australiens.

Holmgrens Interesse gilt den vielfältigen ökologischen, ökonomischen und sozialen Bezügen und Anwendungsmöglichkeiten von Permakultur, sein Buch ist aber kein klassisches  „Gartenbuch“. Wer praktische Anbaupläne für seinen Garten sucht oder wissen möchte, wie man eine Kräuterspirale baut, für den ist dieses Buch nicht das richtige!  Ein Ausgangspunkt von Holmgrens Überlegungen ist die Tatsache, dass wir bereits rund die Hälfte der weltweiten Erdölreserven verbraucht haben, dass sich als Folge davon schon heute dramatische Umweltveränderungen bemerkbar machen (Klimawandel) und wir daher unweigerlich überlegen müssen, wie wir mit weniger Energie auskommen, unseren Ressourcenverbrauch reduzieren und nachhaltige Lebensweisen entwickeln und praktizieren können! Permakultur ist für Holmgren also weit mehr als nur eine Anleitung zur ökologischen Garten- und Landschaftsgestaltung – es geht um ein ganzheitliches Modell oder Paradigma, das alle Lebensbereiche umfasst.

„Permakultur fasst die verschiedenen wiederzuentdeckenden und weiterzuentwickelnden Ideen, Fertigkeiten und Lebensweisen zusammen, die uns dazu ermächtigen, uns von abhängigen Konsumenten zu verantwortungsvollen, produktiv gestaltenden Bürgern zu entwickeln.“ David Holmgren

Holmgren setzt beim Leser eine gewisse Vorbildung voraus, sein Buch enthält zahlreiche wissenschaftliche Verweise und Bezüge und ist nicht immer leicht verständlich;  zum Beispiel, wenn er die Themen „Emergenz, Systemtheorie und Selbstorganisation in komplexen Systemen“ erläutert oder Erkenntnisse der Evolutionstheorie interpretiert. Für alle, die mit dem Lesen wissenschaftlicher Schriften noch nicht so gut vertraut sind, ist es daher bestimmt eine gute Idee, das Buch zusammen mit Freunden bzw. Gleichgesinnten zu lesen und zu besprechen! Für Leser mit etwas „Vorbildung“ ist die Lektüre aber gut möglich, denn das Buch ist klar gegliedert und enthält viele Zwischenüberschriften, die den Text gut strukturieren und auch ein „Querlesen“ ermöglichen!

Permakultur – die Entdeckung der Langsamkeit

Holmgrens Buch ist – trotz dieser kleinen Warnung – alles andere als eine „trockene“ Abhandlung für Biologen und andere „Experten“! Es ist  „gut geerdet“ und realitätsnah, denn immer wieder streut er  interessante persönliche Erfahrungen ein, gibt Anregungen und Impulse, die wir aufgreifen können, um einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln. Holmgren betont, wie wichtig es für einen guten Permakulturdesigner ist, genau zu beobachten und Landschaften sorgfältig und achtsam „zu lesen“. Dies setzt auch eine „Entschleunigung“ voraus, eine innere Bereitschaft zur Konzentration („Um unsere Beobachtungsgabe auszubilden, müssen wir Zeit haben und in uns selbst ruhen“, S. 56.)

An die Stelle des schnellen, verschwenderischen Lebensstils in unserer „Hochenergiegesellschaft“, mit seinem enormen Bedarf an Strom, Erdöl und anderen Ressourcen, müssten demnach dringend schon bald andere, „entschleunigte“ Lebensformen treten, mit weniger Konsum, mehr Achtsamkeit im Umgang der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt. Das alles liest sich bei Holmgren jedoch nicht als „moralischer Appell“ oder Forderung „mit erhobenem Zeigefinger“ – eher wie die Beschreibung einer bevorstehenden, unausweichlichen Entwicklung, die so oder so kommen wird, einfach deshalb, weil die natürlichen Ressourcen begrenzt sind und uns dieser Planet kein unendliches „Wachstum“ ermöglicht. Holmgren sieht in dieser Grenze und in der globalen Krise auch eine große Chance für positive Veränderung und Umkehr!

„Die durch den globalisierten Kapitalismus herbeigeführte kulturelle und ökologische Zerstörung schafft neue Gelegenheiten, die Parameter großer und langfristiger kultureller Systeme an die schwindende Energieverfügbarkeit anzupassen. Das Permakultur-Bonmont #Das Problem ist die Lösung# ist nicht einfach einem naiven Optimismus angesichts schrecklicher Aussichten oder einem Machbarkeitswahn geschuldet, sondern schlicht und ergreifend von höchster Relevanz für die gegenwärtige Zeit des Umbruchs.“

(David Holmgren, S. 351)

David schlägt Goliath: warum kleine Strukturen clever sind

Selbst die Monopolstellung riesiger, weltweit operierender Konzerne birgt, so Holmgren, Chancen – für kleine Betriebe und Unternehmen, denn diese haben Vorteile, können sich schneller und flexibler auf lokale Anforderungen und Bedingungen einstellen (Holmgren: „Der Gigantismus erzeugt eine offene Nische“). Hier wirken also vergleichbare Mechanismen wie in der Natur bzw. Evolution, wo kleinwüchsige Tiere unter bestimmten Voraussetzungen Vorteile haben und sich besser vermehren können. Holmgrens überraschende Prognose lautet: „es ist (…) sehr unwahrscheinlich, dass sich globale Konzerne noch lange werden halten können“ (S. 265). Leider fehlt hier eine nähere Einschätzung, wie lange noch,  also  wieviele Jahre … ;-)

Natur ist weder „gut“ noch „schlecht“

Holmgrens Sichtweise und sein Naturverständnis beruhen auf einer rationalen, humanistischen Grundlage, Esoterik oder eine „Romantisierung“ der Natur mit einer wertenden Einteilung in „gut“ und schlecht“ lehnt er ab. Um die Prinzipien der Natur und ihre Kreisläufe richtig verstehen und nutzen zu können, ist für Holmgren eine reduktionistische, rein „wissenschaftliche“ Methode allerdings nicht ausreichend. Die Achtung vor der Weisheit spiritueller Perspektiven und Traditionen, das Lernen von indigenen Kulturen gehören für ihn zur Permakultur, und er ist überzeugt, dass uns die Wertschätzung und Rückbesinnung auf solche überlieferten Lebens- und Naturvorstellungen bereichern kann. Das leuchtet unmittelbar ein, vor allem, wenn man bedenkt, dass David Holmgren selbst in Australien lebt, wo das jahrtausende alte Wissen der Aborigines von den europäischen „Neuankömmlingen“ lange Zeit gering geschätzt oder völlig ignoriert wurde. Für David Holmgren und Bill Mollison war das Wissen und Naturverständnis der Aborigines hingegen ein wichtiger Bezugspunkt, als sie Ende der 1970er Jahre daran gingen, ihr Konzept der Permakultur zu definieren!

Ist unser Planet ein intelligenter Super-Organismus?

Mehrfach nimmt David Holmgren Bezug auf die sogenannte Gaia-Hypthese, die davon ausgeht, dass unser Planet ein selbstorganisierendes, „lebendes“ System ist, und es wird deutlich, dass er gewisse Sympathien für diese Idee hat. Achtsamkeit und Sorgfalt mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, im Umgang mit der Erde und mit anderen Lebewesen sind für Holmgren zentraler Begriffe und Ziele der Permakultur. Dabei geht es ihm  aber nicht um ein abgehobenes, esoterisches „Gutmenschentum“ sondern um vernünftiges, rational begründbares Handeln, das unseren Planeten vor weiterer Zerstörung durch Profitgier und ungebremstes Wachstum bewahrt. – Eine Konsequenz aus der ethischen Grundannahme, dass wir eine Verpflichtung haben, die Natur und unsere Mitgeschöpfe zu respektieren und diesen Planeten für uns alle zu erhalten. Dafür bedarf es, so Holmgren „einer Kulturrevolution, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die ökologischen Grenzen zu überschreiten“ (S. 29). Wie diese Revolution gelingen könnte? Holmgrens Buch liefert darauf einige ziemlich gute Antworten!

David Holmgren: Permakultur. Gestaltungsprinzipien für zukunftsfähige Lebensweisen. Übersetzung aus dem Englischen von Matthias Fersterer.  Drachen Verlag,  2016. 416 Seiten. Preis:  39,80 EUR.

ISBN: 978-3-927369-76-4

Alle Seitenangaben beziehen sich auf die genannte Ausgabe bzw. das rezensierte Buchexemplar.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten:

http://www.drachenverlag.de/buch/permakultur.html

https://www.buch7.de/store/product_details/1021282499

Mehr über David Holmgren, im Permakultur-ABC von Permakulturtipps.de


 

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